Abschied nehmen

Dezember 3, 2018 Off By BlauerEngel

Ich hatte nicht gedacht, dass es mir so schwer fallen würde, Abschied zu nehmen: Abschied von meiner Arbeit, von meinem Herzensprojekt, von den lieb gewonnenen Kollegen, von meinem Therapeuten (meine Güte, drei Jahre sind so eine lange Zeit), von den Nachbarn, von der angeheirateten Familie, und nicht zuletzt, von meinem kleinen wilden Garten und dem ersten Haus, das wirklich mir gehört hat.

Frühere Abschiede liefen eher problemlos. Da wartete schon eine neue gemietete Wohnung, manchmal schon ein Lebensabschnittsgefährte oder Ehepartner, eine neue Arbeit, eine neue Aufgabe. Alles schön durchgeplant und berechenbar. Und natürlich, nicht zu vergessen, ich war bisher immer um einiges jünger, wenn ich mich verabschiedet habe… Aber natürlich war das auch früher kein Zuckerschlecken – immer habe ich Menschen zurück gelassen, die mir etwas bedeutet haben!

Und doch ist es jetzt anders.

Ich habe noch nie so lange mit den selben Menschen zusammengearbeitet, Menschen, die mir wirklich ans Herz gewachsen sind und weit mehr waren, als bloß Kollegen. Vielleicht liegt das daran, dass die Arbeitsbedingungen allgemein nicht mehr so menschlich sind, dass aus “Personal” irgendwann “Human Ressources” und dann “Human Capital” wurde, und die Menschen selbst immer deutlicher spüren, wie sehr sie entmenschlicht werden im Job. Umso wertvoller werden dann die menschlichen Begegnungen mit Kollegen, die das Ganze ebenfalls spüren, denen es auch nicht egal ist, wenn der “Externe”, den man morgens noch als gleichwertigen Kollegen gegrüßt hat, plötzlich eine “Persona non grata” ist und am nächsten Tag, mit allen anderen Externen, vor der Tür steht, nicht mehr erwünscht, nicht mehr gebraucht – angeblich. Zu teuer – die Aktionäre wollen Dividende sehen! Kollegen, die sich und ihre Arbeit missachtet sehen, wenn sie gesagt bekommen “Deine Arbeit erledige ich doch am Sonntagnachmittag, wieso brauchst du mehrere Wochen dafür?”

Ich habe mich noch nicht entschieden, wie meine berufliche Zukunft aussehen soll. Aber eines ist mir klar: Wer mich und meine Kollegen als Menschen nicht achtet, der verdient meine Erfahrung, meinen Enthusiasmus, meinen Arbeitseifer, meine Freude an der Arbeit, mein Durchhaltevermögen, mich als Menschen, auch nicht als Arbeitnehmer.

Und dann der schwere Abschied von meinem liebevoll, möglichst naturnah gestalteten Hundert-Quadratmeter-Garten… Heimat von unzähligen Gehörnten Mauerbienen, einem Dutzend anderer baumlochbewohnender Insektenarten, zwei Grasfröschen, Libellenlarven und Libellen, ihnen sei Dank nur wenigen Stechmücken, Spitzschlammschnecken, Wasserläufern, Schwebfliegen, Eintagsfliegen, manchmal einer Holzbiene, Kleinen Füchsen, Tagpfauenaugen, jeder Menge Weißlingen, Zitronenfaltern, dem ein oder anderen seltenen Admiral, diversen Taubenschwänzchen und – leider, leider – immer weniger werdenden Vögeln. Von den vielen Blau- und Kohlmeisen, Spatzen, Amseln, Rotkehlchen, Rotschwänzen und einigen anderen Arten schaut nur noch ab und an der kleine Zaunkönig vorbei, um am Kompost nach Spinnentieren und Insekten zu suchen. Ganz selten hört man noch eine Amsel schimpfen, aber schon seit Monaten hat sich keine Meise mehr blicken lassen. Und von der Spatzensippe in der nachbarlichen Hecke sind die meisten wohl nach dem letzten Heckenschnitt ausgezogen. Da hinterlässt der Abschied eine gehörige Portion Wehmut und Trauer.

Gut, dass wir im Winter umziehen, da zeigt sich auch der Garten ein wenig jahreszeitentsprechend bedeckt.