Phantomsteinchen

Februar 24, 2019 Off By BlauerEngel

Immer wieder sonntags, bei einem Kaiserwetter wie heute, wollen wir rund um unsere alte Mühle mit Wanderschuhen und Kameras unterwegs sein, um die Umgebung kennen zu lernen. Dieses Mal hat uns eine Wanderroute inspiriert, von der wir einen Flyer von der Stadt Lauterbach in unserem “Begrüßungs-Paket für Neubürger” gefunden hatten: Die Route zum Hainigturm. Letzten Sonntag hatten wir uns ja schon vorgenommen, am Eisenbach ein paar Fotos mit Stativ zu machen. Und weil die beschriebene Route auch am Schloss Eisenbach und damit am Eisenbach selbst vorbeiführt, durfte ich alle Foto-Utensilien, die ich für notwendig hielt, einschließlich Stativ, in meinen Fotorucksack packen und von Klaus schleppen lassen!

Jedes Mal, wenn wir über den Vulkan-Radweg laufen, kann ich nicht so richtig glauben, dass es sich um eine alte Eisenbahnstrecke handelt. Aber die Zentralstation ist immer wieder der Beweis dafür, dass es doch so ist – unverkennbar!

“Ei, wo soll’s dann hingehe’?” “Ach, mir müsse’ nach Lauderbach nei’, der Klaa braucht doch neu’ Schuh’!”

Da wir nicht von Lauterbach aus, sondern von unserer Mühle gestartet waren, mussten wir den Weg ein kleines bisschen anpassen, aber nach letztem Sonntag wussten wir ja schon, wie man vom Vulkan-Radweg auf die Route zum Hainigturm kommt: Einfach links abbiegen, sobald man das Schloss Eisenbach zwischen den Bäumen erkennen kann. Und das war mal ein seltsames Bild: Das Schloss und gleich dahinter die Windräder – hatte etwas von einer Ultra-Schnell-Zeitreise:

Ein kleines Stück den Weg runter, und schon steht man vor einer netten, kleinen Brücke über den Eisenbach. Zeit für die ersten Stativ-Fotos! Die sind nicht wirklich das geworden, was ich mir vorgestellt hatte, deshalb zur Abwechslung mal wieder eins von diesen unglaublich guten, kaum noch nachzubearbeitenden Handy-Fotos – grummel…

Aber aller Unmut über die Schnellknips-Superfoto-Handykameras ist auf der Stelle vergessen, wenn man die Bundesstraße überquert hat und vor einer großen Wiese mit wirklich uralten Eichen steht, die früher als Hutebäume genutzt wurden. Unter die wurde im Herbst das Vieh, meistens Schweine, getrieben, um sich an den Eicheln zu mästen. Beeindruckende Bäume, bei denen ich Stunden hätte zubringen können – aber wir wollten ja noch weiter!

Und genau da fing es an, mitten im Aufstieg an den Huteeichen vorbei in den Wald: Phantomsteinchen! In beiden Schuhen! Diese kleinen fiesen Dinger, die man spürt, aber beim Ausziehen und Linksmachen von Schuhen und Socken weder sieht noch mit den Fingern fühlt! Die erst dann wieder da sind, wenn man mühevoll alles wieder angezogen hat und gefühlt erst wieder dreihundert Meter gelaufen ist! Glücklicherweise gibt es, ebenfalls gefühlt, mindestens alle vierhundert Meter im Wald ein paar gefällte Bäume, die sich zum Hinsetzen und Entsteinen eignen!

Was uns beim Laufen durch den Mischwald doch ziemlich erschreckt hat, sind die Zeichen des vergangenen trockenen Sommers und Herbstes. An den Laubbäumen, logisch, kann man gerade nicht so viel erkennen, aber an vielen Fichten sind uns die braunen oder bereits komplett entnadelten Spitzen aufgefallen. Da hat irgendwann das Wasser dann nicht mehr ausgereicht, um noch bis in die Spitze transportiert werden zu können, kein schöner Anblick:

Dafür hat uns der Anblick des Hainigturms umso mehr gefreut. Wir sind nämlich zuerst am Abzweig des Wegs vorbei gelaufen und haben uns nach einem halben Kilometer doch ziemlich gewundert, als wir nur noch bergab gelaufen sind. Einen Aussichtsturm im Tal zu errichten macht ja so was von keinen Sinn…

Also hat Klaus sein Handy rausgekramt und – im Lauterbacher Wald hat man sogar Empfang – herausgefunden, dass wir Luftlinie nur etwa hundert Meter vom Hainigturm entfernt waren. Aber um dort hin zu kommen mussten wir erst Mal wieder fünfhundert Meter in einer Schleife zurücklaufen.

Eigentlich bin ich ja nicht so eine Freundin von hohen Türmen und Wendeltreppen, aber diese Aussicht wollte ich mir nun wirklich nicht entgehen lassen! Auf den Gipfeln der Rhön in Richtung Osten liegt noch Schnee, und mir läuft der (Angst-)Schweiß in Rinnsalen den Rücken runter…

Und in Richtung Westen sieht man Frischborn:

Vor lauter Höhenangst habe ich vergessen, die Treppenstufen zu zählen, aber es sind schon ein paar…

War ich froh, als ich wieder unten war!

Auf dem Weg zurück in Richtung des Eisenbachs wurde mir das mit den Phantomsteinchen dann zu doof und ich bin einfach zwischendurch stehen geblieben, um die Fußspitzen aufzustupfen, dann kullern die Biester nämlich nach vorne, wo man sie zumindest ein paar Meter weit nicht mehr spürt, und man kann auch noch ein paar Fotos machen. Zum Beispiel vom Grasmeer, das auf dem Foto leider nicht ganz so schön in der Sonne glänzt wie in echt:

Bei einer dieser Fotopausen ist Klaus dann auf die Idee gekommen, mal auf seinen Schrittzähler zu schauen: Mehr als 11.000 Schritte schon! Und Steinchen in beiden Schuhen und Knurren im Magen! “Schatz, was hältst du davon, wenn wir uns die Langzeitbelichtungen am Eisenbach sparen und stattdessen gleich zur Zentralstation gehen?” “Hab’ ich mir auch gerade überlegt…” Wir ticken so unglaublich gleich…

Gesagt, getan. Viertel vor zwei standen wir vor der Zentralstation, die zwar erst um zwei Uhr öffnet, in der aber schon Leute und Licht zu sehen waren: Also Tür auf, “Tach, dürfen wir schon rein kommen?” “Klar, sobald die Läden offen sind, könnt ihr rein kommen!” Alles so unkompliziert hier!

Und bei Rooibos-Tee, einem Dunklen und Warten auf einen “normalen” Vogelsburger mit Pommes und einen “unnormalen” Vogelsburger (ohne Fleisch, “Aber das geht doch gar nicht!” “Doch, und wie das geht. Einfach ein bisschen mehr Salat, Zwiebeln und Tomaten drauf!”) mit Pommes überfiel mich ein solches Gefühl tiefer Befriedigung, wie ich es selten erlebe. Das Gefühl, dass alles stimmt, nicht der Hauch eines negativen Gedankens oder Gefühls, einfach nur “JA!”. So ein schöner Sonntag!