Rotlicht

Januar 3, 2019 Off By BlauerEngel

Motorsägen waren mir schon während meiner Ausbildung als Gärtnerin ein Gräuel – zu laut, zu stinkig, und viel zu gefährlich für Fleisch und Knochen (damals war zwar die Persönliche Schutzausrüstung in der Baumschule schon Pflicht, aber wer hat schon darauf geachtet?). Und ich war heilfroh, dass mir der Motorsägenkurs damals erspart geblieben ist…

Auch heute arbeite ich viel lieber noch mit einer ordentlichen Astsäge, als mit dem Ungeheuer mit den umlaufenden Zähnen, auch wenn das heißt, dass ich zehn Mal so lange brauche und deutlich mehr Schweiß und Muskelkater produziere! Und in weiser Voraussicht hatten wir schon vor Monaten, als noch gar nicht absehbar war, in welchen Mengen wir Äste und ganze Bäume zu schneiden haben würden, eine solche ordentliche Astsäge gekauft. Heute durfte ich sie dann einweihen.

Wenn man erst einmal kapiert hat, wie der Hersteller sich das Entfernen und Wieder-Anbringen des “Zahnschutzes” und das Befestigen der Astsäge am verlängerbaren Stiel gedacht hat, geht das Vorbereiten der eigentlichen Arbeit relativ zügig… Und an den Obstbäumen war gar nicht so viel zu sägen, diese Arbeit war schnell erledigt – hat nur einen Graupelschauer lang gedauert. Dafür hatte der Flieder deutlich mehr Durchhaltevermögen!

Hinter der nordwestlichen Ecke der alten Mühle ist eine Trockenmauer aufgeschichtet, auf deren Krone sich eine quasi-symbiotische Gemeinschaft aus Fliederbüschen und Efeu eingenistet hat.

Efeu: “Hey, ich hätte mal so richtig Lust, meine Triebe und Wurzeln in die kleinen Ritzen zwischen den Steinen zu treiben! Ist aber schon ‘n bisschen heiß hier, auf der Mauer. Was hältst du denn davon, so als Flieder?” Flieder: “Wow, super Idee! Wenn du die Steine ein bisschen auseinanderdrückst, kann ich meine Ableger aus den Ritzen rauswachsen lassen. Dafür bekommst du von mir Schatten, ist doch immerhin die Südseite…” Efeu: “Mensch, klasse! Und irgendwann haben wir die Trockenmauer dann klein…”

Nee, nee, ihr Beiden, da habe ich dann auch noch ein oder zwei Wörtchen mitzureden! Was der Flieder- und Efeuhaufen im Vordergrund des Fotos oben beweist..

Aber so einfach ist es halt nicht, Mengen von Flieder mit einer Astsäge beizukommen. Das mit der Zeit und dem Schweiß habe ich ja schon erklärt… Und trotzdem habe ich es in zwei Stunden geschafft, die ersten dreieinhalb Meter Trockenmauer freizulegen.

Gerade rechtzeitig, bevor ein schummeriges Rotlicht am ganzen Himmel den nächsten Graupelschauer angekündigt hat. Mir ist schon lange nicht mehr aufgefallen, wie gut man am Himmel und am Umgebungslicht erkennen kann, wie das Wetter in der nächsten Viertelstunde werden wird. Aber das war heute wirklich einfach, aus Rot wird Weiß… 🙂

Die Kosten für die Sägeaktion werden mir wohl morgen von meinen Armmuskeln in Rechnung gestellt werden. Aber es gibt so eine Befriedigung, nach einer gewissen Zeit einfach mal zwei Schritte zurücktreten zu können, die getane Arbeit zu betrachten und sich sicher zu sein “Das habe ich gerade mit meinen Händen und meinen eigenen Muskeln fertig gebracht.” Ein wirklich gutes Gefühl!

Und zusammen mit dem Gefühl, eine Trockenmauer für weitere Jahre gesichert zu haben, ist dann auch der Muskelkater besser zu ertragen. Und vielleicht wird es ja auch nicht so schlimm, dann kann ich morgen auch noch den Rest der Trockenmauer “retten” und mir Gedanken machen, auf welchen unserer vielen Äste- und Reisighaufen ich Flieder und Efeu abladen kann!